"Nur wenn die Göttin wieder ins Licht des Bewusstseins rückt, kann das Patriarchat, die chronische Krankheit der menschlichen Kultur überwunden werden."

Gerda Weiler in: Ich brauche die Göttin, Neuauflage, Ffm 1997
Gerda-Weiler-Stiftung e.V. für feministische Frauenforschung

Lebenslauf Gerda Weiler
anlässlich einer Straßenbenennung Gerda-Weiler-Straße in Freiburg

 

Gerda Weiler wurde am 24.12.1921 in Berlin geboren. Obwohl sie eine sehr gute Schülerin war, sollte sie im Gegensatz zu ihrem Bruder keine weiterführende Schule besuchen. Schließlich konnte sie sich doch mit Hilfe ihrer Lehrer gegen den Widerstand ihres patriarchalen Vaters durchsetzen. Nach dem Abitur heiratete sie und bekam eine Tochter, die nach 1 1/2 Jahren starb. Um bei ihrem Mann zu sein, der Soldat war, reiste sie während des Krieges durch Deutschland, geriet in die Kriegswirren der zusammenbrechenden Fronten und fand schließlich zu ihren Eltern, die inzwischen in Österreich lebten. Gerda Weiler wurde in dieser Zeit mit männlicher Sexualität konfrontiert, Erlebnissen, die ihre spätere Arbeit sehr beeinflusst haben. Ihr Mann starb in russischer Gefangenschaft.

 

In der Nachkriegszeit strandete Gerda Weiler in einem kleinen Dorf in Hessen, ließ sich in Frankfurt zur Lehrerin ausbilden und wurde in diesem Beruf tätig, der sie und ihre inzwischen geborene zweite Tochter ernährte. 1951 heiratete sie ein zweites Mal und gebar drei weitere Kinder. Gemeinsam mit ihrem Mann führte sie ein Hotel in Todtnau. Später gaben die Eheleute das Hotel auf und siedelten nach Breitnau/Hinterzarten um.

 

Gerda Weiler begann in Freiburg Psychologie zu studieren. Einen Abschluss versagte sie sich, da die Betreuung der vier Kinder dies nicht zuließ. Sie war dann in der evangelischen Erwachsenenbildung tätig. Seit 1975 gehörte sie der Freiburger Frauenbewegung an. 1977 gründete sie gemeinsam mit zwei anderen Frauen den Verein "Frauen lernen gemeinsam". Es handelte sich dabei um eine Art Volkshochschule für Frauen mit einem auf Frauen ausgerichteten Konzept ohne Lehrer- und Schülerverhältnisse in Form des gemeinsamen Lernens. Mit Hilfe dieses Projektes sollte feministisches Gedankengut auch solchen Frauen zugänglich gemacht werden, die der Frauenbewegung und erst recht dem Frauenzentrum skeptisch gegenüber standen. Die Stadt lehnte jede finanzielle Unterstützung ab. Die Arbeit des Vereins erfolgte ehrenamtlich. Als feministisches Bildungsprojekt war "Frauen lernen gemeinsam" das erste in der Bundesrepublik und Vorbild für Gründungen in anderen Städten. 1984 löste sich der Verein auf (siehe Margot Poppenhusen: Viel bewegt - nichts verrückt? 20 Jahre Frauenbewegung in Freiburg, Jos Fritz Verlag. In den Quellen führt Frau Poppenhusen auch Gerda Weiler mit zwei Büchern an.)

 

Schritt für Schritt begann Gerda Weiler sich jetzt in die Matriarchatsforschung einzuarbeiten. Sie fing mit der ägyptischen Kultur an, wendete sich den frühen Kulturen Kleinasiens zu und stieß dann auf die Bibel. Sie wurde zur bedeutendsten Matriarchatsforscherin in Deutschland neben Heide Göttner-Abendroth. In einer Zeit, in der es der Frauenbewegung noch um Gleichberechtigung und Gleichstellung von Männern und Frauen ging, wandte sich Gerda Weiler den Ursprüngen zu und entdeckte die Andersartigkeit von Kulturen, in denen weibliche Lebenszusammenhänge bestimmend und die weibliche Kultmacht im Dienst der großen Göttin prägend war.

 

Ihr erstes Buch zu dem Themenkreis erschien 1984 im Verlag Frauenoffensive unter dem Titel "Ich verwerfe im Lande die Kriege" - Das verborgene Matriarchat im Alten Testament. In ihm führte sie die Erzväter - und Familiengeschichten auf altorientalische Ritualtexte und Mythen zurück, die der Göttin als Himmelskönigin gewidmet waren. Der spätere monotheistische Vatergott war zu Zeiten der Großen Göttin der Sohn-Geliebte und im Gegensatz zur Himmelskönigin sterblich. In ihrem Buch deckte Gerda Weiler kenntnisreich und mit schöpferischer Phantasie die Spuren der ehemaligen Göttin -Verehrung auf, die durch die Veränderungen und Umschreibungen im Laufe der Entwicklung des Judentums nicht vollständig verwischt werden konnten. Diese Interpretation brachte Gerda Weiler viel Kritik ein, insbesondere den Vorwurf des Antijudaismus sowie Antisemitismus.

 

Nach einer eingehenden Analyse dieser Vorwürfe entdeckte Gerda Weiler nicht nur deren patriarchale Missdeutung, sondern auch noch Überbleibsel eigener patriarchaler Denkvorgaben, die sie mit ihrem Buch aufdecken und hinter sich lassen wollte.

Hilfreich war ihr dabei die Auseinandersetzung mit der Archetypenlehre von C.G. Jung und Erich Neumann, von vielen Frauen hoch geschätzt, deren patriarchale Wurzeln sie in ihrem Werk "Der enteignete Mythos" 1985 offen legte und als männlich-patriarchale Projektionen auf das Weibliche klassifizierte (Erweiterte Neuauflage 1991 bei Campus, jetzt Ulrike Helmer Verlag).

 

Bemerkenswert konsequent formulierte daraufhin Gerda Weiler die Einsichten und Erkenntnisse ihres ersten Buches um und veröffentlichte es mit einem ausführlichen Nachwort zu den Kritiken 1989 unter dem Titel "Das Matriarchat im Alten Israel" bei Kohlhammer. Eine hervorragende Analyse der Fallstricke patriarchaler Denkmuster.

 

In einem kleinen Einfrauen-Verlag in der Schweiz erschien 1990 eine weitere biblische Spurensuche unter dem Titel "Ich brauche die Göttin" - Zur Kulturgeschichte eines Symbols. Sie untersuchte dazu die Geschichte von Juda und Tamar und zeigte auf, dass sich hinter all den Ungereimtheiten dieser Geschichte der Mythos der Palmengöttin mit ihrem Ziegenbock verbirgt. Die Spuren dieses Symbols - die Palmengöttin und ihr Bock - verfolgte sie weiter durch die Jahrhunderte, und fand sie u. a. auch in der Vorhalle des Freiburger Münsters in der Gestalt der Voluptas mit einem Ziegenfell um die Schultern.
Gerda Weiler war in ihrem Werk immer innovativ.

 

In ihren beiden letzten Büchern "Eros ist stärker als Gewalt" und "Der aufrechte Gang der Menschenfrau", einer feministischen Anthropologie, erschienen im Ulrike Helmer Verlag, wandte sich Gerda Weiler unter anderem dem Thema Biologie zu. Die Biologie als Ansatz für eine Auseinandersetzung mit dem Männlichen und dem Weiblichen war in der Frauenbewegung bisher verpönt. Sie entkräftete den Mythos von der angeblichen Dominanz des Männlichen, das nach der Zeugung für den Fortbestand des Lebens relativ unwichtig ist und erst da seine Bedeutung bekommt, wo es sich in die Aufzucht des Nachwuchses mit einbindet. Gerda Weiler versuchte nachzuweisen, dass die kulturellen Schöpfungen der Frühgeschichte nicht das Werk des Mannes sind, sonders auf den Beiträgen der Frau zur Menschwerdung fußen. Der aufrechte Gang, die menschliche Sprache sowie die Befreiung ihrer Sexualität von der Brunst sind Kulturleistungen der Frau.

 

Der zweite Band ihrer feministischen Anthropologie erschien übrigens erst nach Gerda Weiler Tod, so dass Gerda Weiler an der Diskussion über ihre neuen Gedanken nicht mehr teilnehmen kann.

 

Aufgrund ihrer Bücher war Gerda Weiler im deutschsprachigen Raum sehr bekannt. Sie reiste durch die ganze Bundesrepublik und die Schweiz zu Vorträgen, insbesondere an evangelische Akademien und feministische Einrichtungen. An der Universität Berlin hatte sie einen Lehrauftrag. Auch im Hörfunk war sie präsent (z.B. in der Sendung "Aula" und im Schulfunk). Im österreichischen Fernsehen trat sie zusammen mit Luisa Francia auf. Immer wieder erschienen Buchbesprechungen von ihr, insbesondere über Bücher von Frauen in verschiedenen Zeitschriften.

 

Bei aktuellen Anlässen nahm sie Stellung z.B. in Form von Leserbriefen (auch in der Badischen Zeitung). Die Anregung für die Tafel zur Erinnerung an die Hexenverfolgung in Freiburg kam von ihr. Eine andere Anregung war die Gestaltung eines Labyrinths als altem matriarchalem Symbol für den neuen Stadtteil Rieselfeld (in Zürich bereits an zwei Stellen verwirklicht).

 

Mit anderen Frauen veranlasste sie, dass die "Dinnerparty" von Judy Chicago in Frankfurt ausgestellt werden konnte. Zu diesem Fest für die Ausstellung, an dem viele bedeutende sich für die Sache der Frauen engagierende Frauen teilnahmen, wurde auch Gerda Weiler eingeladen. Sie musste eine der 39 Frauen, für die die Gedecke bestimmt waren, darstellen.

 

Ich habe keine Frau kennen gelernt mit solch einem Wissensdurst und einer derartigen Arbeitsenergie wie Gerda Weiler. So wie andere Frauen Liebesromane verschlingen, las Gerda Weiler wissenschaftliche Werke. Nur so konnte sie sich als Autodidaktin das Wissen aneignen, da sie in ihren Büchern verarbeitete. Noch einige Tage vor ihrem Tod im Krankenhaus las sie trotz aller Schmerzen und diskutierte mit mir über die Frage, ob der Mond männlich oder weiblich sei.

 

Ich denke, dass es so viele bedeutende Frauen in Freiburg und Umgebung nicht gibt und die Stadt Freiburg sich sehr wohl glücklich schätzen kann, sich mit dem Namen von Gerda Weiler zu schmücken.

 

Freiburg, 26.09.95
gez. Heide Pasquay, Rechtsanwältin

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Gerda Weiler (1921 - 1994)